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Warum glückliche Partner betrügen

Oder: Das Ähnlichkeitsprinzip der Paardynamik als Grund zum Fremdgehen

Jeder kennt die beiden Redensarten. Entweder heißt es: „Gegensätze ziehen sich an“ oder „Gleich und Gleich gesellt sich gern“. Aber welche dieser beiden Redensarten ist denn nun eigentlich zutreffend(er)? Sicherlich wird es glückliche und unglückliche Paare auf beiden Seiten geben. Unsere Welt ist komplexer, als jedes Motto je sein könnte. Trotzdem überwiegt wissenschaftlich betrachtet das Ähnlichkeitsprinzip in erfolgreichen Paardynamiken. Mit steigenden Ähnlichkeiten steigen die Sympathien und das Verständnis füreinander. Man wird wechselseitig berechenbarer und damit glücklicher. Je weniger potenzielle Reibungspunkte, desto stabiler ist die Beziehung, auch wenn die rosarote Brille längst Staub angesetzt hat.

Wenn sich Paare trennen, hört man immer wieder, dass es einfach nicht gepasst habe. Darüber, dass man sich in einer Beziehung zu ähnlich ist, beschweren sich die wenigsten. Was biologisch bei ähnlichen oder sogar gemeinsamen Genen fatale Folgen für die Nachkommen mit sich bringen kann, ist mental betrachtet also genau das Richtige für uns. Je mehr unser Partneräquivalent zu uns selbst passt, je mehr Werte, Einstellungen, Überzeugungen und Interessen sich überlappen, desto glücklicher wird die Beziehung sein, die daraus entsteht. Im Umkehrschluss eigenen sich Charaktere, die sich gänzlich unterscheiden in den meisten Fällen nicht für eine dauerhafte Beziehung. Trotzdem werden sie immer wieder eingegangen und dies nicht unbedingt aus Unwissenheit, sondern in Form von Abenteuern oder Affären. Sie ergeben sich oft dann, wenn Menschen versuchen aus ihren bisherigen Lebensweisen und Wertemustern auszubrechen, um sich neu zu erleben und sich dadurch wieder ein Stück lebendiger fühlen möchten.

Die Statistik malt uns hier ein düsteres Bild. In einer Studie für Deutschland gaben zusammengefasst 15-50% der befragten Grundgesamtheit an, untreu (gewesen) zu sein. Die zugrunde gelegte Spannweite reichte von einer festen, langfristigen außerehelichen Beziehung bis hin zu einem One-Night-Stand (im Zeitraum: Erhebungsdatum -1 Jahr). Trotz des weit gefächerten Spektrums sind solche Zahlen wenig aussagekräftig. Die meisten statistischen Auswertungen zum Thema Untreue können Sie getrost ignorieren, da Untreue für jeden von uns anders definiert wird. Was bedeutet Untreue beispielsweise für Sie? Ein Flirt, ein geheim gehaltener Account auf Tinder, ein One-Night-Stand, eine langjährige Affäre…? Manche Erhebungen bewegen sich zwischen 24% und 75% aller Bundesbürger. Jede Studie errechnet neue Zahlen, die sich teilweise sogar widersprechen und in den wenigsten Fällen tatsächlich repräsentativ sind. Und dabei auch noch zu unterstellen, dass jeder Befragte bei einem solch heiklen Thema tatsächlich wahrheitsgemäß antwortet, ist allenfalls naiv. Daher sollten wir Zahlen aus diesem Erhebungsbereich stets mit etwas Vorsicht betrachten. Einigen wir uns darauf, dass die Zahlen zweifellos hoch sind. Wie hoch genau, können die Statistiker gern unter sich ausmachen…

Wenn wir uns aber doch in der heutigen entgrenzten Welt ohne größere Probleme einfach umorientieren können und, wie manche es ja leider auch tun, unsere Partner einfach nach Lust und Belieben austauschen können, wieso gibt es dann noch so hohe Raten beim Beziehungsbetrug? Wenn sogar glückliche Paare sich hintergehen, wie ist das dann zu erklären?

Die psychologische Begründung dafür, dass wir uns trotzdem in Menschen verlieben können, die uns massiv unähnlich sind, wird als Habituation bezeichnet. Denken Sie an den Beziehungstyp Cowboy aus unserem Beitrag zur Beziehungsdynamik. Er wirkt attraktiv, zieht Frauen auch oftmals an, ist jedoch weitestgehend beziehungsunfähig, weil er schlichtweg keine feste Beziehung will. Er ist oftmals ein wildes Abenteuer wert, wird sich jedoch in den wenigsten Fällen von einer gut-bürgerlichen Zukunft überzeugen lassen. Neue Situationen empfinden wir grundsätzlich als aufregender als die Dinge die wir bereits kennen. Das macht den Cowboy unter bestimmten Rahmenbedingungen für uns attraktiv.

Oftmals sind Affären das krasse Gegenteil unserer bisherigen Partnerschaften, so die belgische Psychotherapeutin und Autorin Esther Perel. Sie befasst sich mit den Beziehungs-Konflikten zwischen dem menschlichen Drang nach Geborgenheit (also Liebe, Sicherheit, Nähe, Vertrautheit) und dem gleichzeitigen Drang nach Freiheit (geheime Wünsche, Selbstverwirklichung, Selbstbestimmung). Wir suchen also gar nicht nach einem anderen Menschen, sondern nach einem neuen Selbstbild. Die Erfahrung etwas zu tun, von dem man selbst bis dahin niemals angenommen hätte, es jemals zu machen, wird oft als eine sehr belebende Erfahrung beschrieben. Perel zieht den Schluss, dass wenn wir fremdgehen, wir uns nicht unbedingt von dem Partner abwenden, den wir hintergehen, sondern eigentlich wenden wir uns von uns selbst ab – von dem Menschen, den die Beziehung und der Alltagstrott aus uns gemacht haben. Wir wollen auf diese Weise aus uns selbst ausbrechen und in den meisten Fällen nicht aus unserem Leben. Dabei setzen die meisten jedoch einiges aufs Spiel.

Was steckt psychologisch also dahinter? Laut Esther Perel sind es Ängste. Vergänglichkeits- und Sterblichkeitsgedanken leben immer im Schatten einer Affäre mit. Der Gedanke daran, dass man in dem erarbeiteten Trott verbleibt, den man sich mit Karriere, Partnerschaft und Lebensrhythmus aufgebaut hat, solange bis man dann irgendwann stirbt, macht vielen unterbewusst Angst. Daraus resultiert der Wunsch nach einem Ausbruch aus diesen Normen, das Verlangen sich wieder jung zu fühlen und noch einmal etwas Aufregendes zu erfahren, bevor man sich wieder dem bekannten Trott hingibt. Affären begründen sich also weniger über Sex, als mehr über das Verlangen sich wieder speziell, wichtig und individuell zu fühlen. Der Reiz des Verbotenen kann dann mitunter die Motivation zur konspirativen Planungsphase abrunden. Wir wollen immer das, was wir nicht haben können und Nachbars Brot ist immer Kuchen.

Die Frage ist also eigentlich, was Menschen damit ausdrücken wollen, wenn sie eine Affäre beginnen oder sich auf einen gänzlich verschiedenen Charakter einlassen. Was genau ist es, dass sie suchen und nur bei einem fremden Menschen zu finden glauben? Ganz so einfach lässt sich das nicht auflisten. Das komplexe Muster aus individuellem Verlangen und Liebe lässt sich nicht stereotyp mit einer Kategorie labeln. Nach Perel hegt jeder individuelle Charakter unerfüllte Wünsche, die auch der beste Traumpartner nicht erfüllen kann. Wenn der Lebenspartner diese Dinge, trotz größtmöglicher Ähnlichkeit nicht liefern kann, ist Betrug sogar in glücklichen Paarbeziehungen nicht mehr auszuschließen. Es gibt für Perel beim Fremdgehen somit kein schwarz oder weiß und meist auch keine Opfer-/Täter-Konstellationen. Das Opfer einer Affäre ist somit nicht immer das Opfer der Beziehung und sexueller Betrug ist nur eine Form von vielen, um unsere Partner herabzusetzen, so die Psychotherapeutin. Sie erkennt sogar einen therapeutischen Nutzen in dem, was die meisten von uns als ultimativen Vertrauensbruch bezeichnen würden. Esther Perel berichtet von Paaren, die sich nach einem aufgedeckten/gestandenen Seitensprung zum ersten Mal in ihrer gesamten Beziehung über Dinge wie Vertrauen, Ehrlichkeit, Aufrichtigkeit oder Treue per se aussprechen konnten. Paradoxerweise werden manche Beziehungen dadurch so eng miteinander verbunden, wie sie es noch niemals zuvor gewesen sind. Aber Vorsicht! Obwohl nach Perels Ansatz zwar auch positive Folgen aus einer Affäre entspringen können, rät sie grundsätzlich nicht dazu, unerfüllte Beziehungsaspekte mit einem Seitensprung kurieren zu wollen, um sich selbst und der Partnerschaft eine neue Perspektive zu verleihen. Jede Affäre wird eine Beziehung neu definieren – zum Guten oder zum Schlechten hin. Menschen die schlimme Katastrophen oder nahezu unheilbare Krankheiten überlebt haben, betonen ebenfalls, dass es ihre Sicht auf das Leben und die Vergänglichkeit verschoben hat. Viele gehen mental gestärkt aus solchen Erlebnissen hervor und beginnen, das Leben als wertvoller zu reflektieren als zuvor. Deshalb ist es aber noch lange nicht empfehlenswert, selbst solche Erfahrungen machen zu wollen.

Perel bestätigt, dass viele der Menschen die ihre Partner hintergehen, in ihren Werteverständnissen klar monogam sind und sich dies auch von ihren Partnern wünschen. Gleichzeitig sind sie in einem Konflikt zwischen ihren Wertemustern und ihrem Verhalten gefangen. Ein Intrarollenkonflikt innerhalb der Rolle als Individuum mit Bedürfnissen und Ängsten und als Beziehungspartner. Außerdem finden es etwa 95% aller Befragten schrecklich, würde ihr Lebenspartner ihnen eine Affäre verheimlichen und/oder lügen. Aber ebenfalls 95% gaben an, dass sie sich selbst genauso gegenüber ihrem Partner verhalten würden, um die Beziehung nicht zu gefährden. Esther Perel rät ihren Patienten und Lesern dazu, offen zu kommunizieren, wenn uns etwas in der Beziehung zu fehlen scheint, um gemeinsame Lösungen zu erarbeiten, bevor die Angst vor der Vergänglichkeit und das Streben nach Freiheit uns Situationen suchen und eingehen lässt, die am Ende das gefährden, was uns doch im Grunde auch am wichtigsten ist – Liebe. 

Quellen

Empathologics – „Psychologie einfach erklärt“. Am 29.05.2016 vom gleichnamigen Nutzer auf Youtube hochgeladen. URL: https://www.youtube.com/watch?v=4pJKpeUgtPo

Wieland Stolzenburg Beziehungspsychologe. Der Beitrag erörtert genauer die Statistiken zum Fremdgehen. URL: https://www.wielandstolzenburg.de/affaeren-seitenspruenge-wie-viele-menschen-fremdgehen/

“Redefining Infidelity… a talk for anyone who has ever loved” Esther Perel bei “TED – ideas worth spreading”, am 21.05.2015 von “TED” auf Youtube hochgeladen.

URL: https://www.youtube.com/watch?v=P2AUat93a8Q

Geo Wissen Nr. 58 (2016): Liebe – der Traum vom gemeinsamen Glück.  S.8

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